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Küchenchef Andreas Wenz wird mittlerweile am Herd von seinem Sohn Robin tatkräftig unterstützt, was das Niveau der gehobenen, mit reichlich internationalen Einflüssen gesegneten Regionalküche meiner Meinung nach sogar noch etwas nach oben geschraubt hat.
Um es vorweg zu nehmen: es war ein besonders genussvoller Abend, den wir in dem geradlinig-modern eingerichteten Gastraum der Familie Wenz erleben durften und die knapp 230 Euro, die am Ende auf der Gesamtrechnung standen, waren mehr als gerechtfertigt.
Dass man in Kandels kulinarischer Vorzeigeadresse ein paar Tage im Voraus reservieren sollte, ist wenig überraschend. Die wenigen Tische sind in Anbetracht der hier für gutes Geld kredenzten Kreationen auch unter der Woche schnell ausgebucht. Man hat sich in den letzten Jahren einen guten Namen erkocht, was der hohe Gästezuspruch (auch aus der Region!) eindrucksvoll unter Beweis stellt.
Wir stellten das Auto nur ein paar Schritte entfernt auf dem hoteleigenen Parkplatz ab, überquerten die Kandeler Hauptstraße und wurden vom gut aufgelegten Serviceleiter Tilo Schiefer, der auch an diesem Abend seinen Job mit der richtigen Mischung aus kompetenter Beratung, zugewandter Freundlichkeit und humorvoller Kommunikation am Tisch mit Bravour erledigte, auf sympathische Weise in Empfang genommen.
Man platzierte uns gleich rechts am ersten Tisch in dem rund 40 Personen Platz bietenden Gastraum, dessen Inneres ein gediegen-zeitgemäßes Flair ausstrahlt. Genügend Platz zwischen den Tischen, komfortable Sitzgelegenheiten, mit dem richtigen Gespür ausgesuchte, dezente Deko, ein paar großformatige Farbakzente an den Wänden und geschickt ausgewählte, raumtrennende Elemente sorgten für eine sehr angenehme Umgebung. Hinsetzen, zurücklehnen und wohlfühlen – genauso hatten wir uns das vorgestellt.
Mit einem fruchtigen Aperol-Spritz (8,50 Euro), einem aromatischen Pernod (6,50 Euro) und einem gut gekühlten Tannenzäpfle Pils aus der Flasche (0,33l für 4 Euro) gelang der flüssige Aufgalopp nach Maß. Die Flasche Bad Camberger Taunusquelle (0,75l für 6,50 Euro) zur inneren „Verdünnung“ durfte da selbstverständlich nicht fehlen.
Beim Studieren des angenehm überschaubaren, aber dennoch äußerst abwechslungsreichen Speisezettels – vier Vorspeisen und 3 Hauptgerichte hielt man à la Carte parat – blieb ich bei dem in drei, vier, fünf oder sechs Gängen angebotenen „Extrazeit-Menü“ für den etwas anspruchsvolleren Gaumen hängen.
Ich buchte vier Gänge (85 Euro), um später nach dem 3.Gang das Dessert höflichst abzubestellen, da es einfach nicht mehr reinpasste. Dass man deshalb (ohne es zu erwähnen) einfach 10 Euro vom Menü-Preis subtrahierte, spricht auch für die gastfreundliche Attitüde der Familie Wenz.
Einer der beiden Kollegen wagte sich in einem Anflug kulinarischer Neugierde (und er ist wahrlich kein Fleischverzichter!) an das in drei Gängen servierte, vegane Menü (49 Euro), während es der Dritte im Bunde zunächst mit einem winterlichen Blattsalat mit gebackenem Ziegenkäse, gerösteten Nüssen und Trockenfrüchten (19 Euro) aufnahm, um dann mit dem Rumpsteak vom Angusrind mit Trüffelbutter, Marktgemüse und Kartoffelgratin (36 Euro) genüsslich einen Gang höher zu schalten.
Mit einem unglaublich schmackigen Gruß aus der Küche löffelten wir freudig dem ersten Gang entgegen.
Die kleine Umami-Bombe aus köstlich abgeschmecktem Kalbsragout, das von getrüffeltem Kartoffelschaum und etwas Parmesancrumble getoppt wurde, schlug mit reichlich „Überschmeck“ ein. Papillenanregendes Soulfood, das ganz ausgezeichnet in die kalte Jahreszeit passte. Davon hätte nicht nur ich ein weiteres Gläschen mit Freude ausgelöffelt. Aber es ging ja erst los…
In meinem Fall mit einer intensiv nach Krustentier schmeckenden Hummerbisque, deren unglaublich dichtes Aroma mir sofort in die Nase stieg. Das leicht aufgeschäumte, aus Karkassen gezogene Süppchen beamte mich bereits beim ersten Löffel gedanklich an den Vieux Port von Marseille.
Die kleine, darin schwimmende Zugabe, eine Jakobsmuschel von ordentlicher Größe, veredelte die mit etwas Orangenkaramell verfeinerte, jodig-süßliche Meeresterrine. Ein perfekt abgeschmeckter, maritimer Einstieg, der ein erstes kulinarisches Ausrufezeichen setzte und mich glücklich in Richtung Wolfsbarsch entließ.
Auch der auf veganer Entdeckungsreise befindliche Kollege durfte sich an einem aromatischen Süppchen erfreuen.
Zu seiner mit Kokosmilch verfeinerten Crèmesuppe vom Butternutkürbis hatten sich zwei ganz famose Blumenkohl-Falafel-Bällchen hinzugesellt. Der Teilzeit-Veganer zeigte sich von seiner asiatisch angehauchten Löffelspeise sichtlich begeistert.
Der einzige à-la-Carte-Esser am Tisch verputzte derweil munter sein in eine essbare Salatschale gestecktes Blattgrün, das nicht nur sehr schmackhaft angemacht war, sondern auch mit karamellisierten Nüssen, roten Zwiebeln, Cherry-Tomaten und Popcorn texturell einiges an Abwechslung bot. Auch am gebackenen, mit Datteln belegten Ziegenkäse gab es nichts zu meckern.
Nach einer kleinen Verschnaufpause – die einzelnen Gänge wurden in einem sehr angenehmen Zeitrahmen mit wohldosierten „Breaks“ serviert – ging es zumindest bei den beiden Menü-Essern zur nächsten Gaumen-Etappe. Während sich mein Kollege an einem bunten Salatteller mit gerösteten Nüssen und Trockenfrüchten erfrischte,
ging es bei mir mit Ikejime-Wolfsbarsch auf Safran-Graupen-Risotto weiter.
Der Fischteller geriet zum ersten echten Hingucker. Von einem sanften Dashi-Schaum sternförmig umgeben, thronte das ultrasaftige Wolfsbarschfilet (Ikejime-Methode) auf einem Bett aus sämigem Safran-Graupen-Risotto. Das auf den Punkt gegarte Fleisch des Meeresbewohners war von zwei dünnen, kreisrunden Scheiben Safran-Aspik umrahmt.
Der auch im Risotto den Aromen-Ton angebende Safran verlieh dem tollen Fischgang eine subtile, angenehm erdige Würze, die sich mit dem Wolfsbarsch ins beste Benehmen setzte. Ein paar Körner vom gepufften Reis lieferten ein wenig Crunch, während der Dashi-Schaum für noch mehr Meeresrauschen auf der Zunge sorgte. Ein ganz großartiger Zwischengang, der den kulinarischen Anspruch und das handwerkliche Können der „Wenz-Buben“ auch optisch sehr gelungen auf die Platte brachte.
Zu meinem im Hauptgang annoncierten Rehrücken aus dem nahen Bienwald brauchte ich dringend etwas vollmundiges Rotes im Glas. Ich entschied mich für die Cuvée Pallas vom Pfälzer Weingut Mathis aus Klingenmünster (0,2l für 8,50 Euro). Diese aus den Rebsorten Merlot, Cabernet Sauvignon und Syrah vinifizierte, im Holzfass ausgebaute Rotweincuvée punktete mit kräftiger Fruchtfülle und rundgeschliffenen Tanninen. Zur „wilden“ Gaumenreise durch den Bienwald genau die richtige Wahl.
Serviceleiter Tilo Schiefer servierte mir dann einen Rehteller, wie ich ihn nie und nimmer erwartet hätte. Allein vom Aussehen her geriet dieser Wild-Gang schnell unter „Sterne-Verdacht“.
Die einzelnen, harmonisch ineinandergreifenden Elemente, wurden von ihm am Tisch fachkundig erläutert. Zu den auf den Punkt geratenen, großzügig portionierten Stücken vom Regional-Reh gesellten sich geschmorte Dörr-Pflaume, Shiitake- sowie weiße Buchenpilze, Brom- und Heidelbeeren, knackig gedämpftes Wintergemüse (Romanesco, Kohlrabi, Karotte und Sellerie), hausgemachte Schupfnudeln und ein seidiges Topinambur-Püree.
Mit einer von langem Einköcheln und profundem Saucenhandwerk kündenden Rotwein-Wacholder-Jus wurde der kulinarische Winterspaziergang süffig unterfüttert. Das ergab in der Summe einen aufwendig in Szene gesetzten Teller raffiniertester Bodenständigkeit, den ich in vollen Zügen genoss.
Eine kluge Kombination aus lokalen Produkten, den „Schätzen“ der unmittelbaren Umgebung, die mit hoher kulinarischer Handwerkskunst einherging. Für einen Pfälzer Landgasthof war dieses Bienwald-Reh jedenfalls ein richtiges Brett. Chapeau, Messieurs Wenz!
Nicht minder begeistert zeigte sich der seinen veganen Hauptgang feiernde Kollege zu meiner Linken.
Ihn hatte man mit Steinpilz-Kartoffel-Ravioli an Pastinaken-Crème und Marktgemüse (Blumenkohl, Kohlrabi) beglückt und das Ganze mit einer gnadenlos gut abgeschmeckten Sauce aus Reissahne, gerösteten Pilzen und Nüssen in höhere Umami-Sphären montiert. Für meinen Gaumenbuddy war das schlicht und ergreifend die beste vegane Sauce seines Lebens.
Kaum ausgesprochen hatte er schon eine Saucière mit Nachschlag neben seinem Teller stehen. Und auch von der tiefgründigen Wacholder-Jus „stibitzte“ mir der mutige Servicechef eine ansehnliche Extraportion aus der Wenz’schen Saucenschmiede. Wir dankten es ihm von Herzen.
Etwas frugaler sah der Teller des Redundanz-Rumpsteak’lers neben mir aus.
Aber auch der „Angus-Atze“ aus Wörth schien mit seiner Wahl überaus glücklich zu sein. Allein die Trüffelbutter und die angegossene Jus machten aus dem perfekt medium gebratenen Stück aus dem Rinderrücken ein wahres Festmahl für Fleischesser. Und dass man im „Riesen“ auch ein ganz feines, am Nachbarland orientiertes Kartoffelgratin auf die hübsche Keramik bekommt, muss eigentlich gar nicht erst erwähnt werden.
Nach den nicht gerade schüchtern portionierten Hauptspeisen mussten wir unserem fortgeschrittenen Sättigungsgrad Tribut zollen und geschlossen auf einen süßen Abschluss verzichten. So entging mir leider die geschmorte Feige mit Yuzu, Cassis und Sabayon und auch die ihrem Namen alle Ehre machende „Riesen“-Praline blieb diesmal gut gekühlt im Patisserie-Schrank.
Ein großes Dankeschön geht an dieser Stelle an Andreas und Robin Wenz, die einen ganz hervorragenden Job in der Küche gemacht haben und uns aber mal so richtig glücklich und zufrieden nach Hause entließen.
Und nicht zuletzt natürlich an den Mann, der mit seiner charmant-humorvollen Art für einen sehr entspannten Abend sorgte. Mit Tilo Schiefer hat das Riesen-Team ein wahres Service-Ass im Ärmel. Beim Fußball würde man wohl von einem „Unterschiedsspieler“ sprechen.
Auch das unschlagbare Preis-Genuss-Verhältnis und das geschmackvoll gestaltete Interieur werfen letztlich die Frage auf, warum wir hier nicht öfter aufschlagen. Zumal Kandel nur ein paar Autominuten von Wörth entfernt liegt. Die einfache Antwort dazu kann nur lauten: das müssen wir dringend ändern!