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Für den Samstagabend hatte ich für uns drei einen Tisch im etwas außerhalb von Gengenbach gelegenen, schon lange auf meiner kulinarischen Agenda stehenden Ponyhof Stammhaus der Familie Wussler reserviert. Es war Valentinstag und der sollte im Kreise meiner beiden Liebsten gebührend gefeiert werden.
An die Stelle von Rosen und Pralinen trat eine Einladung zu einem feinen Abendessen in trauter Dreisamkeit. Und so viel sei verraten: bei dem, was uns die „Ponyhöflinge“ an jenem Abend an Leckereien auftischten, war das nicht die allerschlechteste Idee.
Auch dem jüngsten Familienmitglied gefiel es hier auf Anhieb, was in erster Linie an der entspannt-lockeren Art der jungen Servicekräfte lag, die auch mit kleinen Gästen sehr gut können. Oder es waren vielleicht die mit süßen Schaum- und Gelatineprodukten gefüllten Gläser auf dem Tisch direkt neben dem Eingang, die ihr das Lokal auf Anhieb sympathisch machten.
Der Ponyhof tauchte vor rund 10 Jahren auf der kulinarischen Genießerkarte der Region auf und ist seitdem im Guide Michelin fest etabliert. Aus der ehemaligen Waldgaststätte mit Schnitzel, Kegelbahn und Kutschfahrten – daher rührt auch der Name – ist seit der Rückkehr der „Wussler-Brothers“ in den elterlichen Betrieb eine mit reichlich Ideen und Ambitionen ausgestattete Adresse für Freunde einer weltoffen vorgetragenen Regionalküche mit kreativem Twist geworden.
Chefkoch Tobias Wussler bringt seit 2015 seine Vorstellung einer modernen, naturinspirierten „New Black Forest Cuisine“ auf die Teller, während Marco Wussler als fester Bestandteil des kulinarischen Teams die konzeptionellen Fäden im Hintergrund zieht.
Die zeitweilig parallel zum oben am Mattenhofweg beheimateten Stammhaus betriebene Dependance in der Gengenbacher Altstadt namens „Ponyhof Stadtmitte“ fiel leider der Corona-Pandemie zum Opfer, so dass sich die Familie Wussler – Vater Alois hilft in der Küche noch immer tatkräftig mit und Mutter Erika unterstützt das Serviceteam – mittlerweile wieder ganz auf ihr „Hauptgeschäft“ konzentrieren.
Mit dem Serviceleiter Marc, der uns sehr herzlich begrüßte und uns zu unserem in elegantes Weiß gehüllten Tisch führte, standen wir schnell auf Du und Du. Mich persönlich stört diese unkomplizierte Art des Umgangs zwischen Bedienung und Gast auch in einem feineren Restaurant nicht im Geringsten.
Aber wie man im Netz so nachliest, gibt es zur zwanglosen, ponyhof-typischen Duzerei auch andere Meinungen. Nun denn, wir fanden es jedenfalls authentisch, denn es passte zu dem jungen, lässigen Serviceprofi wie später die frische Limonenmayo zu den frittierten Calamari.
Gemütliche Lichtverhältnisse (Tischlampe), bequeme Stühle, auf Hochglanz poliertes Besteck in doppelter Ausführung, zeitlose Kristallgläser mit Relief, hübsch gefaltete Stoffservietten und – es war ja schließlich der Tag der Liebenden – zwei in einer Vase steckende Rosen bestimmten den Mikrokosmos auf und neben unserem geschmackvoll eingedeckten Tisch.
Es war noch nicht allzu viel los, da wir wegen unseres Töchterleins so früh wie möglich reserviert hatten. Aber es sollte nicht lange dauern, dass sich der langgezogene, von raumtrennenden Elementen unterbrochene Gastraum füllte.
Zur behutsam eingesetzten, winterlich geprägten Deko gesellten sich weiße Orchideen. Das Flackern dicker Kerzen ließ die primär in Weiß (Decke) und Grau (Wände) gehaltene Speisestätte noch etwas heimeliger wirken. An einer indirekt beleuchteten Wand „schwammen“ Fische um die Wette. Und auch das für den Schwarzwald so typische Bollenhut-Mädchen war an der Stirnwand als Foto großformatig vertreten.
Es gab hier also einiges zu sehen.
Und zu futtern erst. Wir waren ganz angetan vom abwechslungsreichen Speisenangebot, das trotz klarem Regionalbekenntnis liebenswert weltoffen daherkam. Originell klingende Vorspeisen (wie z.B. Ceviche, fermentierte Pommes, Puntarelle an Trüffelvinaigrette, Rote Beete mit Räucheraal) und bodenständige Fleisch-Specials (Cordon Bleu, Fasan, Kalbsrücken, Rinderfilet) buhlten um die Gunst des Gastes. Jakobsmuscheln und Wolfsbarsch sowie ein heiteres Ensemble aus Urkarotte, Steinpilzen und Fregola Sarda hielt man für Fleischverzichter bereit.
Zusätzlich bestand die Option auf ein drei- oder viergängiges Menü mit Gerichten aus der Karte. Mit dem dreigängigen, lustig bepreisten Valentinstag-Menü (70,70 Euro) hatte man sogar noch eine weitere Gaumenreise in petto, die mir wie gerufen erschien.
Der Inhalt der Flasche Vöslauer Mineralwasser (0,75l für 6,90 Euro) prickelte bald in unseren Kristallgläsern, was mich jedoch nicht davon abhielt, noch einen Belsazar Spritz (9,90 Euro) – einen frischen Wermut-Cocktail – als Aperitif zu genießen.
Das Töchterchen begnügte sich (wie so häufig) mit einer kleinen Apfelschorle (0,2l für 2,90 Euro).
Die Küche grüßte mit einem selbstgebackenen, lauwarmen Dinkel-Roggen-Sauerteig-Datschi, der mit seinem cremig-saftigen Belag ein erstes kulinarisches Ausrufezeichen setzte und unseren Hunger – zumindest fürs Erste – ein wenig entschärfte. Auf einem fein abgeschmeckten Sauerrahm-Fundament hatten es sich Tomaten, Thymian, ein paar Blüten und frische Kräuter gemütlich gemacht.
Eine Prise Meersalz, ein paar Spritzer Zitrone und aromatisches Olivenöl zogen die „Gaumenschrauben“ mächtig an. Sein knusprig-leichter Boden ließ auf ein profundes Teigverständnis schließen. Die „Herren der Gehzeiten“ konnten also auch richtig gut backen. Absolut stabile Performance wie die Jugend von heute sagen würde.
Mein Valentinstag-Menü startete mit einem formidablen Feldsalat mit sehr gutem (!) Speck und krossen Butter-Croutons, in dessen schmackige Vinaigrette ich mich hätte reinlegen können.
Kein Tropfen dieses wohlaustarierten Dressingtraums sollte der Saugkraft der mitgelieferten Brotscheiben entgehen! Keine Frage, so ein köstlich angemachter Feldsalat ist schon was Feines. Auch wenn mir die Entscheidung schwerfiel, da ich mich auch gerne für das Ceviche vom Färöer-Lachs mit Ingwer, Chili und Joghurt vorweg entschieden hätte.
Meine ansonsten à-la-Carte orientierte Gattin hatte sich für das mündlich am Tisch empfohlene Kalbsbries (24,50 Euro) als Vorspeise entschieden und damit einen saisonalen Volltreffer gelandet.
Geröstete Flower Sprouts (= wilder Rosenkohl) und konfierter Topinambur – der auch in Form von Chips den Teller texturell aufwertete – setzten sich mit der zarten Innerei ins beste Benehmen.
Die dazu angegossene tiefgründige Kalbsjus wurde mit etwas Butterschaum veredelt und ließ zusammen mit einem Hauch Vanille und etwas Trüffelwürze meine Frau im siebten Saucenhimmel schwelgen. Zur Anregung ihrer Papillen hatte sie die ein oder andere Gänseschnabel-Chili als scharfen Beifang auf dem Teller zu verkraften. Aber das ging bei dieser Vorspeise auch voll(mundig) in Ordnung, da sich die einzelnen Komponenten zu vollkommen schlüssigen Geschmacksharmonien zusammenfügten.
Zeitgleich wurden uns die frittierten Calamari mit Limonenmayo (18,80 Euro), die ich als zusätzliche Vorspeise zum Teilen geordert hatte, serviert.
Fingerfood vom Feinsten. To share meant to care! Geschmacklich und texturell mehr als acht Tintenfischarme weit entfernt von der üblichen TK-Gummi-Ware, die beim Allerweltsgriechen um die Ecke aus der Fritteuse wandert.
Und auch für einen nur gelegentlich dem cremig-säuerlichen Ruf der Mayonnaise erliegenden Meeresfrüchtedipper (wie mich) war das ein knusprig-mediterraner Snack, der durchaus Suchtpotenzial hatte.
Unser Töchterchen tat sich derweil an einer großzügig bemessenen Portion Pommes Frites mit Ketchup (6,20 Euro) gütlich.
Apropos Großzügigkeit: diese sympathische Eigenschaft der Familie Wussler sollte bei unseren Hauptgerichten erst so richtig zum Vorschein kommen.
Mein exzellent gebratenes Stück aus dem Rücken des Kalbs wurde mit Steinpilzrahmsauce und handgeschabten Spätzle serviert.
Letztere kamen à part in einer Schüssel und es waren nicht gerade wenige.
Damit auch ja alle am Tisch etwas von der mit reichlich Schnittlauch versehenen, cremigen Steinpilzrahmsauce hatten, wurde auch hier noch einmal kräftig die „Soßentrommel“ gerührt und uns eine zusätzliche Schüssel davon spendiert.
Was soll ich sagen? Das Fleisch war eine Wucht. Extrem saftig und von sehr guter Qualität.
Die dazu gereichte Schwabenpasta hatte eine beachtliche Spätzel-Größe vorzuweisen. So lange Dinger hatte ich wahrscheinlich noch nie auf dem Teller. Zusammen mit der Sauce und den aromatischen Steinpilzen genossen, war das ein hausmannsköstliches Unterfangen der gehaltvollen Art.
Dazu durfte es dann auch ein Gläschen Rotwein (0,1l für 8,70 Euro) aus dem nicht weit entfernten Markgräflerland sein. In der eleganten, im Barrique ausgebauten Cuvée Calmo vereinte der badische Winzer Martin Wassmer aus Bad Krozingen-Schlatt die Rebsorten Syrah, Merlot, Cabernet Sauvignon und St. Laurent zu einer würzig-samtigen Infarktbremse der Extraklasse. Dieser rote Schmeichler schmeckte auch meiner – zumindest beim Hauptgang – vegetarisch gesinnten Gattin.
Beim Teller voller Wintergemüse (30,50 Euro), für den sie sich entschieden hatte, spielten wieder Flower Sprouts und Topinambur die Hauptrollen.
Zusammengehalten von einer gerösteten Sellerie-Crème und aufgelockert von einer leichten Kräutersauce war das ein mit gutem Gespür für sich ergänzende Aromen erdachter, abwechslungsreich gestalteter Veggie-Teller, der meiner Herzensdame sichtlich Freude bereitete. Dass man ihr dazu noch zwei knusprig-zarte Kartoffel-Mandel-Bällchen als Beilage kredenzte, war fast schon des Guten zu viel.
Mit dunkler Schokolade in kreisrunder Pony-Optik, eingelegten Kirschen und einem traumhaften Zimteis wurde der süße Abschluss meines Drei-Gang-Menüs mehr oder weniger gerecht durch Drei geteilt.
Wobei die Kleinste am Tisch selbstverständlich den größten Teil davon für sich beanspruchte. Aber das kam mir ganz gelegen, da nach Feldsalat, Calamari, Pommes, Kalbsrückensteak und Spätzle nicht mehr allzu viel ging.
Gut, die mit einer mir leider nicht mehr geläufigen Füllung versehenen Lollis mit dunkler Kuvertüre und gepufftem Amaranth, die uns zur Verabschiedung spendiert wurden, passten dann doch noch irgendwie rein…
Nach zwei genussvoll-entspannten Stunden verließen wir hochzufrieden und um rund 180 Euro erleichtert dieses liebenswerte Restaurant, in dem wir uns sehr gut aufgehoben fühlten. Der familienfreundliche, stets zugewandte Service, das gediegene, aber nicht steife Ambiente und die großzügig portionierte, bestbürgerliche Leib- und Seelenküche aus guten Produkten sind die großen Pluspunkte dieses Lokals, das sich nicht nur die Tester vom Michelin gerne in der direkten Nachbarschaft wünschen würden.
Wer den gastronomischen Beweis dafür sucht, dass Liebe durch den Magen geht, wird im Ponyhof Stammhaus der Familie Wussler garantiert fündig. Und das nicht nur am Valentinstag.